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Das erste Mal krank

Autor: RebekkaGaese | Datum: 25 Oktober 2017, 18:41 | 2 Kommentare

Ich habe ja schon in einem der letzten Blogeinträge erwähnt, dass ich leider in meiner zweiten/dritten Woche wegen Krankheit verhindert war und so an meinem Blog nicht weiterschreiben konnte.
Ich schildere im Folgenden den besagten Zeitraum.

Nach meiner ersten Woche arbeiten, war ich voll mit neuen Eindrücken und fühlte mich ein wenig schlapp. Wir wurden für das Wochenende nach Foutuni eingeladen. Dort wohnt die Familie von Jean-Pierre. Obwohl hier nicht das Wetter dafür ist, packte ich für das Wochenende in Foutuni einen Schal und einen Pullover ein, weil ich mich irgendwie nicht fit fühlte. Mir war kalt obwohl Fritz und Ruben in T-Shirt und kurzer Hose rumliefen.

Zwei Stunden Autofahrt lagen vor uns, wir fuhren die erste Zeit noch über befestigte Straßen.
Die Landschaft um uns herum wurde immer bergiger und wir hatten immer wieder einen wunderschönen Ausblick auf grüne Täler und die Dörfer, die an den Hängen der Berge lagen. Häufig wurde der Ausblick durch große Farnen und Gestrüpp verhindert, weshalb ich während unserer Fahrt leider kein Foto machen konnte.
Jean-Pierre informierte uns immer, durch welche Region wir gerade fuhren. Foutuni selbst ist ein traditionelles Königreich dessen Fläche, soweit ich mich richtig erinnere, 60 Quadratkilometer beträgt. Als wir in die Nähe von Foutuni kamen, wurde die Strecke holprig und war nicht mehr mit Asphalt befestigt, wie ein breiter Waldweg. Die Natur war so beeindruckend. So grün und laut. Nach ein paar weiteren Kilometern, sahen wir Häuser mit wahnsinnig vielen spitzen Dächern. Jean-Pierre erklärte uns, dass viele Menschen in dieser Region polygam leben und jedes der Dächer für eine Frau steht. Wenn ein Mann viele Frauen hat, bedeutet es auch, dass er viel Geld hat, denn er muss all diese Frauen und deren gemeinsame Kinder versorgen.

So lebte auch Jean-Pierres Vater, der im September letzten Jahres verstarb. Er hatte zwei Frauen, welche in einem gemeinsamen Gebäude lebten und jeweils jede einen Eingang dazu hatten. Wenn man davor steht kann man links und rechts in jeweils eine der Küchen der Frauen schauen.
Jean-Pierre hatte nun stellvertretend für seinen Vater die Aufgabe, sich um seine Mutter und die andere Ehefrau zu kümmern. Er wurde dafür von seiner Familie auserwählt und ist somit nicht nur Vater seiner Kinder, sondern in der hiesigen Kultur auch der Großvater.
So ist Jean-Pierres Cousin der Vertreter des Großvaters der Familie geworden. Ich habe ein bisschen gebraucht, um das alles zu durchblicken und ich komme jetzt noch öfter durcheinander.
Es ist so Tradition damit beispielsweise die Frauen des Verstorbenen noch weiter versorgt werden und die Rolle des Verstorbenen in der Familie weiterbestehen kann. Deshalb muss Jean-Pierre nun die Verantwortung seines Vaters übernehmen. Er fährt deshalb häufig nach Foutuni, um nach dem Rechten zuschauen.

Als wir in seiner Heimat ankamen, wurden wir von seinen Neffen begrüßt. Sie zeigten uns, wo wir die Nacht schlafen durften. Die Neffen räumten extra für uns ihre Zimmer, was mir unangenehm war. Der Gebäudekomplex war groß aber nicht sonderlich hell, was die Orientierung erschwerte. Es gab draußen eine Toilette und fließend Wasser. Stolz erzählte uns Jean-Pierre, dass er mit Hilfe von angespartem und geschenktem Geld einen Wasserspeicher für seine Familie bauen konnte. Sowas ist sehr selten und ein Luxusgut, da man selbst bei Wasserknappheit im Dorf, selbst noch Wasser aus dem Tank beziehen kann. Der Tank stand draußen neben den Küchen. Hinterm Haus zeigte er uns seine Schweine, die er hier hochzog. Nur zu einem besonderen Anlass sollten diese geschlachtet werden.
Ich hätte mich nach der kleinen Tour ums Haus direkt schlafen legen können. Ich fühlte mich schlapp und müde.

Wie das in den kleineren Regionen und Dörfern aber so Brauch ist, mussten wir uns als Gäste noch dem König von Foutuni vorstellen.
Wir fuhren also zu dem ummauerten Gelände des Königs. Etwas aufgeregt waren wir alle; Jean-Pierre sagte uns extra noch, wie wir uns auf Foutunisch angemessen vorstellen und den König begrüßen können.
Wir verneigten uns und durften kurz Platz nehmen, bis der König uns seiner Aufmerksamkeit schenkte. Also Rebekka, jetzt aufstehen verneigen und... Mist... wie stellt man sich nochmal vor? Verdammt, vor ner Minute wusste ich es noch... versuch es erstmal mit „Bonjour", warum muss ich denn die erste sein?! Jean-Pierre tippte mich schon so erwartungsvoll von der Seite an und mir fiel nicht mehr ein, wie ich mich was genau ich sagen sollte. Dann also auf Französisch. Der König und Jean-Pierre wirken nicht sonderlich begeistert. Na da haste dich ja fein blamiert. Ich fühlte mich ein wenig besser als ich bemerkte, das Fritz auch vergessen hatte, wie man auf Foutunisch den König begrüßt.
Jetzt kommt Ruben, der alte Streber, und hat alle Vokabeln perfekt zur Hand. Da lächelte der König das erste Mal leicht... verk****.

Er fragte uns darüber aus, was wir in Kamerun machen und warum wir grade in Kamerun sind.
Als wir uns in Erklärungen auf Französisch nicht sonderlich gut anstellten, sprach Jean-Pierre für uns. Echte Glanzstunden der deutschen Freiwilligen in Kamerun, dachte ich mir nur.
Wir erzählten ihm woher wir aus Deutschland kommen und wofür unsere Regionen kulturell bekannt sind.
Das Steinhagen ein Schnappsdorf ist, habe ich verschwiegen und bin auf eine höhere Ebene gegangen: den Ruhrpott, Tada! Wie es schien nicht sonderlich interessant für den König. Er wandte sich relativ zügig von mir zu den anderen ab. (Ich denke ich kann nicht mal behaupten, dass die Ecke Bielefeld zum Ruhrpott gehört, aber hätte ihm eine Geschichte über den Leineweber besser gefallen? Mit meinem gebrochenem Französisch sicherlich nicht!).
Nach dem also Fritz von dem „historisch wertvollem" Brandenburg und Potsdam erzählte (mit Hilfe Jean-Pierres, denn er hatte die beiden Städte schon besichtigt) und Ruben von der „Volkstümlichkeit" Ravensburgs, mit seinen „unzähligen" Volksfesten, kam mir meine Geschichte dann auch ziemlich öde vor. (Der Leineweber wäre also doch angebracht gewesen?! Chance vertan). Ich hatte gehofft wir würden bald wieder fahren, denn mir wurde an den Füßen kalt, während mein Kopf kochte.

Gute Überleitung, denn gekocht hatte auch eine der 60 Frauen des Königs. Wir wurden zum Essen und Trinken eingeladen, was sehr großzügig war, und wirklich lecker schmeckte.
Anwesend waren auch die Könige der Teilgebiete Foutunis, also „Ernannte" des Königs, die traditionellerweise in den Regionen Foutunis stellvertretend für ihn „herrschten" (falls man das so nennen kann, denn Könige sind hier traditionelle Monarchen und ihnen obliegt keine legislative, judikative oder exekutive Macht).
Nach dem Essen und ein paar Gesprächen zwischen Jean-Pierre und dem König, verabschiedeten wir uns mit einer Verbeugung und fuhren zurück zu Jean-Pierres Familie.

Dort erwartete uns noch ein weiteres Mal Essen, welches Jean-Pierres Mutter für uns gekocht hatte. Wir aßen uns satt, da wir nicht erwartet hätten, dass danach ein weiteres Essen von der zweiten Ehefrau des Vaters aufgetischt werden würde. Die Jungs und ich waren sehr erstaunt und eigentlich schon satt. Als ich genau das sagte, lernte ich, dass es unhöflich ist, wenn ich davon nicht auch essen würde. Als eine Art Dank und Zeichen von Respekt. Ja, dann runter damit!

Mittlerweile bahnte sich bei mir der Krankheitszustand für die nächsten 7 Tage an, denn ich fror und fühlte mich kaltschweißig.
Wir verabschiedeten uns für die Nacht, ich bekam einen weiteren Pullover von Fritz und legte mich in mein Bett für die Nacht. Mit zwei Pullover, einer langen Schlafhose einem Schal und dicken Socken wollte mir trotzdem nicht warm werden.
Am nächsten Morgen fühlte ich dann die kompletten Ausmaße einer Grippe, wie ich vermutete. Meine Ohren und Nase saßen zu, ich war lichtempfindlich und hatte Kopfschmerzen.
Wir beschlossen daraufhin, wieder nach MBOUO zufahren, wo ich mich dann ausruhen und behandelt werden konnte. Nach zwei Stunden Halbschlaf war mir nun mehr warm als kalt und ich legte mich zuhause direkt wieder in die Falle. An dem Wochenende ruhte ich mich so gut es ging aus.

Nachdem sich mein gesundheitlicher Zustand übers Wochenende nicht besserte, war für Montagmorgen ein Malaria-Schnelltest angeordnet. Den kann man hier im CPF machen lassen, weshalb ich morgens nur im Schlafanzug und Crocs zur Rezeption lief. Nachdem mir Blut abgenommen wurde, war mir auf einmal schwindelig und mal wieder kaltschweißig. Ich hatte das dringende Bedürfnis meine Beine hochzulegen. Ruben, der für den Test mitgekommen war, berichtete mir später, dass ich daraufhin aufgestanden und aus dem Raum gelaufen war. Ich fiel und eine Hecke federte meinen Sturz ab. Ich selbst bekam erst wieder davon etwas mit, als ich schon auf dem Boden lag. Daraufhin wurde ich umgehend ins KH gefahren, wo ich gewogen wurde und ein weiteres Mal Blut für den Malariatest abgenommen wurde.

Um es kurz zu machen: ich musste vier Tage im KH stationär behandelt werden. Über einen Tropf bekam ich Chinin-Lösungen und ein Mittel, gegen die Abwehrreaktion der Infusion. Da die Infusion in die Hand gelegt wurde und immer ein Tropf damit verbunden war, wurde meine Hand ziemlich dick und unbeweglich. Außer des gelegentlichen Wegs zum Klo, hatte ich während meines Aufenthaltes keine Bewegung. Strenge Bettruhe wurde verordnet.

Hier kommen wir zum Stichwort „Garde de Malade", was so viel heißt wie „Wächter des Kranken".
Eine Ordnung des Krankenhauses, die besagt, dass immer jemand bei dem Kranken bleiben muss, um ihn zu pflegen. Essen bringen, Wasser reichen, der Krankenschwester Bescheid geben, wenn etwas nicht stimmt.
All das ist notwendig, weil es keinen Rufknopf gibt, mit dessen Hilfe man selbst die Schwester rufen kann. Essen und Trinken wird hier nicht vom KH gestellt. Das machte die Arbeitswoche von Fritz und Ruben sehr stressig. Das einzige Glück war, dass Fritz in der Woche in der Küche des CPFs arbeitete und abends Essen, was in der Küche übrig geblieben ist, mit ins KH bringen konnte.
Wie es vom KH gefordert wurde, blieb jeweils einer der beiden über Nacht. Abends spielten wir „Wer bin ich?" oder schauten Scrubs auf meinem PC.

Tagsüber kamen einige Besucher, die nach dem Rechten schauen und ihre Besserungswünsche bekunden wollten. Ich habe mich sehr über meinen Besuch gefreut. Es besuchten mich: Mme Bertin, Mme Marie, und der Direktor; Wilfried (Jean-Pierres Nichte) mit ihren Eltern, Marc und Rodrigue (Mitarbeiter des CPFs), Baurelle (unser Nachbar) und meine Mentorin Giulia mit ihrer kleinen Tochter Zoe Lemuyel. Über die beiden Besuche meiner Mentorin habe ich mich besonders gefreut. Sie ist eine unglaublich liebe Frau, selbst mal Süd-Nord-Freiwillige. Sie hat mich so gut abgelenkt, zum Lachen gebracht und ist mir einfach ein bisschen Familie geworden. Ich bin ihr sehr dankbar dafür.

Nachts hatten mein „Garde de Malade" und ich leider nicht so viel Schlaf, da mir zur Nach noch ein Tropf angehängt wurde. Der sollte planmäßig um 4:00 Uhr durchgelaufen sein. Also den Wecker auf 3:45 Uhr gestellt und bis dahin geschlafen. Meist war der Tropf dann noch nicht durchgelaufen also ab den Wecker auf eine halbe Stunde später gestellt, um dann nochmal nachzuschauen. Und um 5:30 Uhr kam dann zum letzten Mal die Nachtschwester, um den Tropf nochmal zu wechseln. Man kann sich vorstellen, dass ich am Ende meines Aufenthalts echt genervt von der blöden Infusion war.

Donnerstagvormittag wurde mir endlich eine Diagnose gestellt: Malaria.
(Ein paar Tage nach meinem Aufenthalt traf ich einen Arzt von „Brot für die Welt", der am KH in Mbouo arbeitet. Er sagte mir, dass es in diesem Teil des Landes zu 90% die Malaria tropica gibt. Ich hatte also einen Schutzengel, der auf mich aufpasste und sehr viel Glück, dass ich hier von Menschen umgeben bin, die sich so herzlich um einen kümmern. Ich bin jetzt wieder vollständig gesund!)

Es hat sich also wie eine kleine Erlösung angefühlt, als mir dann am Freitagmorgen die Infusion gezogen wurde.
Nachdem ich den Heiratsantrag meines Arztes abgelehnt hatte (Ruben ist mein Zeuge) und er mir meine restlichen Medikamente verschrieben hatte, lief ich noch ein bisschen den Flur rauf und runter. Das war wie eine Art Testfahrt, weil meine Beine noch ein bisschen wackelig waren.

Das Wochenende ruhte ich mich noch aus. Leider verpasste ich dadurch die Gedenkfeier an Jean-Pierres verstorbenen Vater. Mit dem Auftrag viele Fotos der Feier zu machen, verabschiedete ich am Freitagabend Ruben und Fritz.
Am Montag war ich glücklicherweise wieder so fit, dass ich meine zweite Woche an meiner Einsatzstelle antreten konnte.

Ganz schön lange Geschichte.
Die nächsten Einträge sind dann wieder über „normalere" Ereignisse, aber auch dieser kleine Abstecher ins KH gehört dazu und soll dokumentiert sein.
An alle die sich fragen, ob ich noch einmal Malaria bekommen kann: ja, aber mittlerweile nehme ich Malariaprophylaxe. Die Chance, dass ich es damit noch einmal bekommen sollte, ist sehr gering.

Ein Dankeschön hier nochmal für die treue „Wache" an Fritz und Ruben.

Bis zu meinem nächsten Blogeintrag!
LG aus Mbouo
Eure Rebekka

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Kommentare

  1. 1. Lina  |  25 Oktober 2017, 20:08

    Ich bin wirklich sehr erleichtert, dass es dir wieder gut geht! I love you d

  2. 2. Mutti  |  10 November 2017, 09:28

    Hallo Rebekka, na das brauchst du wohl auch nicht noch mal. Es ist für uns ja gar nicht vorstellbar, dass man keine Klingel im Krankenhaus am Bett hat, Essen gebracht werden muss und Nachtwache von Angehörigen! Wir stöhnen hier doch auf sehr hohem Niveau. Aber ich freue mich sehr, dass man sich sofort um dich gekümmert hat und du noch so glimpflich davongekommen bist. Ich lese deinen Blog sehr gerne, ist ja doch ausführlicher als WhatsApp, und man kann sich alles gut vorstellen. Um die Landschaft beneide ich dich!! Liebe Grüße von unglaublich vielen Menschen, die sich nach dir erkundigen und die zum Teil auch deinen Blog verfolgen. Und aus dem novembergrauen Steinhagen von Mutti und Wolf

 

 

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